Johannes Zeininger

Antiqua und Grotesk als Antipoden der klassischen Moderne

Wie an Hand von zwei Schrifttypen der tiefgreifende Konflikt über den Begriff "Funktionalität" aufgezeigt werden kann.

Der Schrifttypus der Antiqua steht für eine Schriftfamilie, die über einen großen Zeitraum durch stete Anpassung und Weiterentwicklung bis heute nichts an Präsenz verloren hat. Aus Kupferstecherschriften mit haarfeinen Waagrechten und kräftigen Grundstrichen im 18. Jhd. entstanden hat sie in steten Verbesserungen bis heute als gängige Zeitungsschrift weite Verbreitung gefunden.

Dieser stelle ich die Groteskschrift entgegen. Als "Steinschrift" in der jüngeren lithographischen Technik fußend, wird sie in der Aufbruchsituation der 20er Jahre des 20. Jhd. im Kampf gegen den historisierenden Eklektizismus und individueller Künstlerschriften zum Bannerträger einer Maschinenschrift.

Paul Renner, der Erfinder der Futura-Schrifttypen und herausragende Typograph seiner Zeit, hat in seinem manifestartigen Essay "Die Schrift unserer Zeit" ,vergleichbar den Architekturpostulaten "vers une architecture" Le Corbusier´s und "das andere" von Adolf Loos, für die Schrift gefordert: "Unsere Druckschrift ist der maschinelle Abdruck maschinell hergestellter Metalllettern, die mehr Lesezeichen sind als Schrift. ..... Die Groteskschriften sind die >Natur<, zu der wir zurückkehren müssen; sie bedeuten uns dasselbe, was dem modernen Architekten die Ingenieurbauten sind. Gelingt es uns, diesen Stoff zu bewältigen, dieser >Natur< als Künstler Herr zu werden, so werden wir die Schrift unserer Zeit gefunden haben."

Diese Haltung steht im Einklang mit den Forderungen von Persönlichkeiten der modernen Bewegung, wie Muthesius, Gropius oder Le Corbusier, die eine Architekturproduktion einforderten, in der sich der technische Fortschritt von Produktionsmitteln und Produktionsweisen eindeutig abzeichnet. Die herstellungsgerechte Form, wie sie vom Werkbund und noch radikaler vom Bauhaus postuliert wurde, war das avantgardistische Ziel. Eine Trennlinie zwischen dem heute und der Formenwelt der Alten war zu ziehen. Groteskschriften wie die Futura kündeten von den Werbeplakaten und Lichtreklamen der Großstädte vom Aufbruch in eine neue Zeit.

Dazu in Opposition stellte sich bereits Loos, der in seinen Schriften für einen Funktionalismus im Sinne einer benutzergerechten Form eintrat. Änderungen in der Formgebung waren für ihn nur dann von Wert, wenn eine eindeutige Verbesserung des Nutzwerts für den Gebraucher einherging. Rückgriffe auf funktionelle und ästhetische Qualitäten früherer Epochen wie des Vormärz (Biedermeier) waren erlaubt. Die Antiqua wurde mit Vorliebe bei Publikationen eingesetzt und zwar mit einer biedermeierlichen Ausprägung. Mit Josef Frank´s Beitrag zur Weißenhofsiedung des Werkbunds in Stuttgart von 1927, wo er seinen Bau nutzergerecht mit ornamentierten Stoffen, kuscheligen Pölstern und bequemen Stühlen in bewährter Konstruktion ausstattete, wird dieser Richtungsstreit manifest. "Der Gott, der Eisen wachsen ließ, der wollte keine Holzmöbel.", vermerkt Frank dazu in dem Band "Architektur als Symbol".

Robert Venturi blieb es in der Entwicklungsgeschichte der Moderne vorbehalten auf die Komplexität und die Widersprüchlichkeiten beim Schaffen von Architektur hinzuweisen, und im Sowohl-als-Auch einen ungetrübten Blick zu bewahren. Kontextuelle Vernetzung des Werks sowie die visionäre Kraft des Neuen bestimmen mittlerweile die Leistung einer sich weiterentwickelnden Moderne.

Sie werden Antiqua und Grotesk an den dafür notwendigen Stellen finden.

98-06-12/ zei

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